Firmenname - Friedrich Christian Laukhard
Bei Valmy Ende September 1792 
(Ausschnitt aus "Leben und Schicksale", Band 3, Erstveröffentlichung 1796)

Der Herzog von Braunschweig machte gleich einige Zeit nach der Kanonade einen Waffenstillstand mit dem General der Franzosen, kraft dessen alle Hostilitäten vor der Hand unterbleiben sollten

Unsere Vorposten fanden während dieser Zeit aller Orten Zettel, welche die französischen Patrouillen ausstreuten, um unsre Leute zur Desertion aufzumuntern. Ich werde hier mit des Lesers Erlaubnis einen solchen Zettel in deutscher Sprache – sie waren deutsch und französisch – mitteilen. Ich schreibe zwar nicht gerne ab, weil das das Ansehen hat, als wollte man mit fremden Sachen die Bogen füllen aus Mangel an eignen, aber dann und wann ist's doch nötig, dass man eben schon gedruckte Dinge nochmal hersetzte. Die Zettel hatten folgenden Inhalt: 

"An die
Österreichischen und Preußischen Soldaten.

Kameraden,

Eure Offiziere hintergehen Euch immer, erzählen Euch nichts als Unwahrheit von dem Kriege, welchen wir wider den Kaiser und den König von Preußen führen. Vernehmet hiermit die wahre Ursache desselben. 

Es sind nunmehro drei Jahre verflossen, seitdem die Franken, müde ihres Elends und der unaufhörlichen Drangsale, welche der Adel und die Hofschranzen sie fühlen ließen und entschlossen sich zu rächen, die Waffen ergriffen und feierlich erklärt haben, dass sie keinen Adelsstand mehr dulden wollen und dass sie, weil alle Menschen Brüder und Kinder der nämlichen Mutter sind, alle gleich sein und die Freiheit haben wollen, sich nach ihrem Gutdünken zu regieren.

Sie haben haben ihre Regierungsverfassung verändert und ihrem König die Macht genommen, ihnen Böses zu tun. Zu gleicher Zeit hat man in allen Kantons des Französischen Reichs Männer ernannt, deren Bestimmung es ist, ihnen gute Gesetze zu machen. Diese Bürger haben sich versammelt und erklärt, dass die Franzosen frei sind, dass sie alle gleich sind, dass ein jeder nach seinem Verdienste und seinen Talenten zu allen Ämtern und Ehrenstellen sowohl in der Armee als in der Kirche und den Gerichtshöfen gelangen könne.

Sie haben die Felder von aller Knechtschaft freigesprochen; sie haben alle Auflagen, welche die Armt drücken, aufgehoben; sie haben die Kriegszucht angenehm gemacht, den Sold der Soldaten erhöht und den Kriegsdienst mit Vergnügen und Ehre verbunden; sie haben mit einem Worte so viel Gutes gestiftet, als ihnen möglich war.

Alle Franzosen, nur die Edelleute ausgenommen, waren mit dieser Veränderung zufrieden. Diese Edelleute sind aus dem Reiche gegangen und haben sich bisher in den benachbarten Ländern aufgehalten. Sie haben alles getan, was sie konnten, um die ausländischen Fürsten zu Feinden der Franzosen und ihres Vaterlands zu machen.
 
Der König von Frankreich, welcher den Adel liebt und unzufrieden ist, einen Teil seiner Macht verloren zu haben, keine Taxen mehr auflegen und die Soldaten nicht mehr schlagen lassen zu können, hat gleich alles Mögliche getan, die übrigen Könige zu vermögen, uns den Krieg anzukündigen.

Der Kaiser und der König von Preußen haben die Waffen wider uns ergriffen und wollen uns schlagen, um den Adel wiederherzustellen und den König wieder in den Stand zu setzen, alles zu tun, was er will. Sie sind besorgt, dass ihre Völker es ebenso wie die Franzosen machen und gleich ihnen Freiheit und Gleichheit verlangen möchten. Sie sollen uns indessen nicht hindern, andre Nationen an unserm Glücke teilnehmen zu lassen. Wir sind niemandem Feind.

Die Franzosen sind Brüder aller derer, welche frei sein wollen wie sie. Es hängt von Euch ab, uns nachzuahmen, und das ist es, wozu wir Euch einladen.

Unserer Nationalversammlung, die aus rechtschaffenen Männern besteht, welche wir ernannt haben, unsere Gesetze machen, will, dass alle österreichischen und preußischen Soldaten, welche ihren Dienst verlassen und nach Frankreich kommen, solange sie leben, einen Gehalt von 100 Livres genießen, welcher sich bis auf 500 Livres vermehren kann. So, wie einige derselben sterben, sollen die übrigen dabei gewinnen, und im Fall einer verheiratet ist, soll die Witwe nach seinem Tode den Gehalt genießen.

Sehet Kameraden, wie wir die Soldaten behandeln, welche zu uns kommen, um unsere Freiheit zu verteidigen und sich derselben mit uns zu erfreuen. Kommt also hin nach Frankreich, ins Land der Gleichheit und der Freude! Verlasst die Edelleute und die Könige, für welche Ihr wie eine Herde Schafe zur Schlachtbank geht und kommt zu uns, Euren Brüdern, ein Glück zu suchen, welches der Menschen würdig ist! Wir schwören es Euch, dass wir Euch hernach helfen wollen, Eure Weiber, Eure Kinder, Eure Brüder, Eure Schwestern aus der Sklaverei zu retten. Und ihr sollt mit uns den Ruhm teilen, allen Völkern von Europa die Freiheit zu schenken."

Diese Zettel, ob sie gleich im Lager und in der ganzen Armee stark zirkelten, machten doch nur schwachen Eindruck und verleiteten nicht viel Soldaten zur Desertion, wenigstens sind von unserm Regimente kaum dreißig Mann in Frankreich vermisst worden.

Das kam aber aus der ganz natürlichen Ursache, weil jedermann glaubte, der Friede sei im Werke und darum hoffte, bald wieder zu Hause bei den Seinigen zu sein. Hätten die guten Leute damals schon wissen sollen, dass sie erst noch einige Jahre herumziehen müssten, so will ich das Leben verwetten, das Drittel der Armee wäre bei Hans ausgerissen.

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