Firmenname - Friedrich Christian Laukhard

Ausschnitt aus „Eulerkappers Leben und Leiden“
eine tragisch-komische Geschichte 
von Friedrich Christian Laukhard  lesen Sie das ganze Faksimile

...Madam Greiff hatte eine Tochter von 18 Jahren, ein Mädchen von ganz hübschen Format und von einfachen unverdorbnen Sitten. Euler sah sie gleich am Tage seiner Ankunft und da sie ihn ohne dass er's wusste interessierte, so kramte er ihr viel von seiner Gelehrsamkeit aus. Das gute Minchen verstand kein Wort von allem dem Zeuge, aber sie hörte ihm doch und ohne allen Widerwillen zu. Euler nahm dies für Beifall, lobte Minchens Verstand und Einsichten, ungeachtet sie nicht ein Wort gesprochen hatte und versprach, sich in Zukunft mit ihr mehrmals über Gegenstände dieser Art zu unterhalten sie schien ihm recht dazu geschaffen zu sein, um dereinst eine Schürmann, eine Olympia Morata oder eine Dacier abzugeben u.s.m. 
Den folgenden Tag früh sah Euler das schöne Minchen im Garten spazieren gehen. Im Augennblick war er auch da, hatte Heisters Chirurgie in der Hand und nötigte Minchen sich mit ihm in eine Laube zu setzen. Minchen sperrte sich nicht und setzte sich neben ihn. Nun öffnete Euler den dicken Quartanten und demonstrierte dem unschuldigen Mädchen alle Arten von Bruchbändern. Minchen ward über und über rot:ein anderes Mädchen wäre böse geworden und fort gelaufen sein. Im Grunde hatte sie nicht Unrecht, denn Euler wollte nichts weniger als sie beleidigen, er hielt es gar nicht für unanständig von Bruchbändern mit einem Frauenzimmer zu sprechen, hatte doch der berühmte Heiser von Brüchen und Bruchbändern geschrieben und diese Raritäten in Kupfer stechen lassen.
Täglich war Euler mit Minchen zusammen und weder der Professor noch Minchens Mutter hinderten dieses Beisammensein im Geringsten. Endlich nahm die Mama, welche von Eulers Umständen hinlänglich unterrichtet war, Minchen vor. "Höre Töchterchen, Sage sie, wie gefällt dir der Herr Euler?" 
Minchen: O recht. Gut, Mamachen, er ist ein hübscher Mensch: nur dass er zu sehr gelehrt spricht. 
Madame Greif: Wie soll er denn anders sprechen. Die Gelehrten sprechen gelehrt, das ist ja ihr Geschäft. Sprach dein Vater nicht auch immer vom Krumschließen, vom Fängen, vom Auspfänden, vom Kapitel, vom Stock und ändern Sachen, die zur Nepperei gehören. Aber dass du dich ja gegen niemand, welcher gegen den Herrn Euler noch gegen sonst jemand verschnappt, dass dein seliger Vater ein Nepp gewesen ist. Aber um wieder auf unsre Sache zu kommen, wie gefällt dir der Herr Euler 
Minchen: Wie gesagt, recht gut (errötend) 
Madam Greiff: Und, gefällst du ihm auch. 
Minchen: ih Mamachen, weiß ich denn das. 
Madam Greiff: Und bist doch alle Tage mit ihm allein. Hat er dir denn noch nicht gesagt, dass du ein hübsches Mädchen wärest, dass er dir herzlich gut wäre, dass er dich gern haben möchte. 
Minchen: Mein Mamachen, von allem diesem hat Herr Euler nicht nicht das Geringste gesagt. Er spricht bloß von Gelehrsamkeit: noch gestern erklärte er mir, wie die alten Deutschen lange vor Erschaffung der Welt ihre Bücher zusammengerollt haben. 
Madam Greiff: (vor sich) Der Hacke muss ich einen Handhabe machen. (laut) Minchen, dass du's nur weißt, du sollst nicht mehr mit Herrn Euler allein sein: und dass du dich unterstehst, wider meinen Willen zu handeln.
Euler kam eben von der Bibliothek, wo er sich denn Koran von Maraccius geholt hatte - denn ob er gleich kaum sechs oder acht arabische Buchstaben kannte, so holte er sich doch stets arabische Bücher, weil er sich gern für einen großen Araber gehalten wissen wollte und fand Mamsell Minchen im Hof "ich will nur mein Buch ablegen und dann wollen wir in den Garten gehen." 
Minchen: Mein Herr Euler, ich gehe nicht mit. Euler: Warum das, Mamsell. 
Minchen: Ich soll nicht mehr mit ihnen allein sein.
Indem sie dies sagte, lief sie auf ihr Zimmer: denn sie bemerkte ihre Mutter am Fenster. Euler stand ganz verblüfft da, machte ein Gesicht, wie ein durchgefallener Kandidat und schlich langsam auf seine Stube. Es ward ihm ganz enge um die Brust und nun fühlte er erst, wie nötig ihm Minchens Gegenwart unter vier Augen war. Aber zu schüchtern, um etwas von seinen Empfindungen sichtbar werden zu lassen, würde er durchaus geschwiegen und lieber sich heimlich abgehärmt haben, wäre Madame Greiff nicht auf seine Stube gekommen und hätte inhaltslos angeredet: "Lieber Herr Euler, ich muss sie sehr bitten, mit meiner Tochter weiterhin keinen Umgang mehr haben. Ich weiß zwar, dass sie ein rechtschaffener Mann sind, der die Ehre eines Mädchens zu schätzen weiß, aber man muss auch den Schein meiden und zwar besonders bei der Lage worin sich Minchen befindet." 
Euler: (stotternd) Aber mein Gott, liebe Madame, welche Ursache... 
Madame Greiff: ich muss mit ihnen aufrichtig reden: ich bestimme Minchen dem Sohn eines guten Freundes zur Frau und heute habe ich Briefe bekommen, dass wir zur Residenz reisen sollen. Vielleicht kann bald aus der Sache was werden. 
Euler: Minchen heiraten.? Nimmermehr! 
Madam Greiff: ha,ha, sie Tanja so ängstlich wie ein Liebhaber, dem man seine Geliebte rauben will: und doch weiß ich, dass Minchen ihnen ganz gleichgültig ist. Euler: Minchen mir gleichgültig? Sie ist ja meine beste Freundin! 
Madam Greiff: das soll und wird sie auch bleiben, wenn sie einen Mann hat Euler: (heftig) Sie soll aber keinen Mann nehmen! 
Madam Greiff: (ironisch) Soll sie denn in Kloster ziehen? (Euler steht ganz verdutzt da)Sie macht zwar kein großes Glück:indes ein Armes Mädchen kann auch auf ein kein großes Glück Anspruch machen. beinahe sollte ich Glauben, sie liebten das Mädchen? Euler: O Madame, mehr als mein Leben 
Madame Greiff: Das ist was anders. Hören sie, wenn sie meine Tochter lieben, so erklären sie sich in Beisein meines Schwagers und dann werden wir ja sehen.
Was weiter geschah, versteht sich von selbst: Euler erklärte sich und nach einigen Tagen wurde das Verlöbnis des Herrn Candidaten Euler mit Mamsell Minchen Greiff allen vornehmen Schildaern durch Karten und dem deutschen Publikum durch Aviso in dem Hamburger Korrespondenten kund getan.
Als Student oder als Candidaten wollte aber doch Herr Euler seine Braut nicht heimführen und längst hatte er auf die Stelle eines Pastors Loki Verzicht getan: denn nach seiner Meinung besaß er professormäßige Kenntnisse, also wollte er auch Professor werden. Der erste Grad zum Professor ist aber der Magister: daher wollte er magistrieren, Minchen heiraten und beim Collegienlesen die Professur geduldig abwarten.
Er ließ sich deshalben einen derben Wechsel schicken - denn die akademischen Würden sind, wie der deutsche Reichsadel für Geld zu haben - meldete sich bei der philosophischen Fakultät und diese examinierte ihn, ließ sich bezahlen und trug ihm auf, eine Dissertation zu schreiben und zu promovieren.
Euler hatte längst an ein Thema gedacht, nämlich über die Abschaffung des Soldatenstandes in einem wohlgeordneten Staate. Er schrieb eine Abhandlung in deutscher Sprache und teilte dieselbe in drei Kapitel. Das erste handelte von der Unnützlichkeit der Soldaten, das zweite von der Schändlichkeit und das dritte von der Nothwendigkeit, sie abzuschaffen.
Euler hatte in Gießen, pro more jener Zeiten, nur Küchenlatein und zwar auch dieses in sehr geringem Grade gelernt: daher wendete er sich an einen armen aber Gelehrten Teufel, welcher für einige Thaler das Machwerk ins Latein übersetzte. Nun disputierte Euler, antwortete Quiz pro quo, und ward Magister.
Noch ehe Euler examiniert wurde, das heißt gleich nach seiner Verlobung mit Minchen, genoss er die Freiheit, vertraut mit seinem Minchen umzugehen und fühlte nun selbst, dass es abgeschmackt ist, mit einem Frauenzimmer von Bruchbändern und von Brüchen der alten Deutschen zu reden. Er hatte aber leider keine Kenntnisse gesammelt, die auch im gesellschaftlichen Leben gelten und war daher in großer Verlegenheit, als ihn Minchen um ein Buch bat, womit sie die Stunden, welche sie ohne ihn zubringen musste, sich verkürzen könnte. Doch besann er sich, dass ein Antiquar in Schilda wohnte, welcher einen großen Vorrat recht hübscher Lesebücher hatte. Er lief hin und fand was er suchte, auch nahm er gleich drei Stücke mit, nämlich den gehörnten Siegfried, den Claus Narren und den Kyau.
Minchen verschlang diese Bücher: denn bisher hatte sie noch nichts interessanteres gelesen, als die biblischen Historien von Johann Hübner und die Historia von der grausamen Zerstörung der Stadt Jerusalem. Euler Las ihr vor und fand selbst viel Geschmack an dieser Lektüre, dass er gar nicht aufhören konnte, wenn er angefangen hatte. Mitunter lachten sie beide über die lustigen Schnurren des Kyau und des Claus, weinten aber auch bei den traurigen Schicksalen der Vlavigunda.
Als diese herrlichen Produkte des menschlichen Geistes geendigt waren, ging Euler wieder zum Antiquariar und fand da unter anderem ein Buch:"der im Irrgarten der Liebe herumtummelnde Cavalier, oder Begebenheiten des Herrn Elbenstein." Der Antiquar Versicherte ihm, dieses Buch wäre fleißig gelesen, besonders waren die Damen zu Schilda ganz rasend darauf versessen. Ha, dachte Euler, das muss ja ein köstliches Buch sein und nahm es mit.
Gegen Abend ging Euler mit Minchen in den Garten und las ihr in einer Laube dieses zootologische Werk vor. Die schlüpfrigen Szenen, welche da bescheiden und recht 'a la Althing dargestellt waren, machten gewaltigen Eindruck auf beide Liebende: sie rückten einander näher, Euler ließ das Buch fallen und umarmte Minchen: seine Hände verirrten sich, Minchen widerstand nur schwach, und - doch was soll ich weiter beschreiben: man versteht mich ja doch.
Als sie sich wiederverhoben, sahen sie sich beschämt an und Euler, um der Verwirrung ein Ende zu machen, nahm das Buch wieder zur Hand und setzte die Lektüre fort: aber kaum waren einige Seiten gelesen, so rückten sie sich noch einmal näher, das Buch fiel wieder und -
Zum dritten Mal wurde das Buch zur Hand genommen: diesmal aber konnte das Lesen ununterbrochen fortgesetzt werden und würde gewiss noch lange gedauert haben, wäre nicht Herr Simon gekommen und hätte ihnen gesagt, sich fertig zu machen und zur Comödie zu gehen; diesen Abend würde entweder der Doctor Faust oder Holbergs Bramarbasier gegeben.
Ob die Gartenhausszene Macher öfters wiederholt worden ist, weiß ich nicht, doch vermute ich es, weil Euler Minchen und Minchen Euler immer aufsuchte, wenn sie allein sein konnten.
Indessen disputierte Euler, ward Magister und bereitete sich, seine Hochzeit zu vollziehen. Doch wollte er vorher noch eine Reise ins Vaterland tun, um sein Vermögen zu holen, welches bis auf wenige tausend Täler herunter geschmolzen war.
Euler reiste nach Haus und versprach, binnen acht Wochen höchstens zurück zu kommen: aber seine Geschäfte verzögerten sich: denn das Geld war nicht sogleich parat und da ihm die Zeit lang ward, machte er einen Abstecher, um die Gegenden am Rhein zu beschauen oder vielmehr um sich in diesen Gegenden als einen Gelehrten Magister zu produzieren: denn ein eingebildeter Geck sucht nur sich selbst und alles außer ihm hat nur so viel Wert als es Bezug auf ihn selbst hat.
So kam denn unser Mann auch nach Straßburg, wo er, wie an allen Orten, wohin er kam, Exemplare vom seiner Dissertation gratis austeilte. Der arme Teufel, welcher die Dissertation ins Latein übersetzt hatte, war ehemals in Strasburg von dem dasigen Militär gewaltig beleidigt worden, ließ daher im zweiten Abschnitt hässliche Invectiven wider die französische Armee und insbesondere gegen das zu Strasburg damals stehende Regiment La Marc einfließen. Euler hatte auch einen Gelehrten, dessen Schwester die Mätresse eines Capitäns von dessen Regiment, beschenkt: der Herr Gelehrte las und fand dann folgende Stelle
-"Unter allen Soldaten sind die Franzosen die elendestem: besonders sind die von La Marc vom Obristen an bis auf den Profoss des Galgens würdig".
Er übersetzte diese Tirade und gab die Dissertation und seine Version dem Hauptmann, welchem er zugleich den Verfasser und dessen Logis anzeigte. Der Hauptmann eilte zum Commandanten und schrie um Rache: der Comendant ward äußerst zornig und ließ sofort Eulern vor sich holen durch ein Commado Soldaten.. " wer sind Sie, fragte der Commandanten." 
Euler: Ich bin der Magister Euler von Schilda! 
Comendant: Haben Sie den Wisch da geschrieben? 
Euler: Das ist kein Wisch: es ist eine Inauguraldisputation. 
Comendant: Ich frage, ob sie das geschrieben haben? 
Euler: Ja. 
Commendant: Und alles, was darin steht, ist des Herrn wirkliche Meinung? 
Euler: Allerdings. Ich habe diese Dissertation zu Schilda öffentlich verteidigt. Commandant: Nun so soll Ihm der Teufel in den Magen fahren, Herr! Was untersteht Er sich, so über unser Militär zu schimpfen. Aber schon gut. Mensch, fort ins Prison!





Homepage
zur Verfügung gestellt
von Vistaprint