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Studentenleben in Mainz aus "Leben und Schicksale" von Friedrich Christian Laukhard

Burschenkomment in Mainz 
Wir waren gegen Abend in Mainz angekommen und in den Gasthof, die Pfalz, eingekehrt. Da wir daselbst alles thek und drastisch fanden, gingen wir zum Abendessen vors Münsterthor, auf ein ansehnliches Gartenhaus, welches damals einem gewissen Dillmann zugehörte und wegen seiner schönen Tochter eifrig besucht wurde. Die Tochter hieß in Mainz die hübsche Gretel. Hier trafen wir Mainzer Juristen an. Juristen heißen hier eigentlich, im Gegensatz der Seminaristen, oder Theologen, diejenigen Studenten, welche so zu sagen von den übrigen abgesondert sind und ihr Wesen für sich haben. Diese Herren waren artig und ließen sich mit uns ins Gespräch ein.  Ihre Höflichkeit machte, dass wir uns ihrer erbarmten, und beschlossen, ihnen den Komment beizubringen: denn wir sahen wohl, dass sie in diesem Stück arme Sünder waren. 

Ich fragte also daher den ersten besten: wie siehts denn hier mit dem Komment aus?

Student: Komment? – was ist das, wenn ich gehorsamst bitten darf?

Ich: Je nun, Komment ist Kommend: das ist so die Art, das rechte Avec, wie der Bursche auf Universitäten leben soll!

Student: Ja, liebster Freund, die ist sehr verschieden. Einige Studenten – von den Seminaristen will ich nichts sagen: die liegen so nur auf der faulen Haut – sind recht fleißige Leute, und von feinen Sitten und Lebensart. –

Ich: (einfallend) Ei, wer Teufel frägt denn nach Sitten und Lebensart und Fleiß! Ich frage nach dem Komment!

Lony: Du musst mit dem Herrn ins Detail gehen, Bruder Herz, damit er das Ding recht fasse.

Ich: hast recht! Sagen Sie mir mein Bester, wird hier kommersiert?

Student: Kommersiert? – 

Nun erfolgte von meiner Seite eine weitläufige Erklärung des Kommersierens: darauf sangen Loni und ich einige Kernstrophen aus dem Liede „Ecce quam Bonum“. Das Ding gefiel den Mainzer Studenten, und es wurde beschlossen, sogleich eine Probe davon zu machen. 

Also präsidierte ich; Loni präsidierte kontra und der Kommers ging vor sich. Freilich war’s ein sehr schofeler Kommers, weil keiner von den Mainzern mitsingen konnte; jedoch wurden sie alle so betrunken in dem Doppel-Bier, dass sie kaum noch stehen konnten. Den anderen Gästen, welche uns zusahen behagte das Ding gar sehr und sie wünschten nur, dass auch ihre Herren dergleichen Komment verstehen und ausüben möchten.

Ein Orden wird gegründet
Nach dem Kommers gingen wir zur Stadt, und schrieen auf den Straßen gleich Unsinnigen, ein Lurch über das andere. Wer uns nicht weit auswich, den schuppten wir, dass er wie weit auf die Seite flog. Unsre Herren Mainzer gingen nach ihrem Logis, bis auf einen, der uns in die Pfalz begleitete. 

Den anderen Morgen nahm uns der Student, ich glaube er hieß Blumers, mit auf ein Kaffeehaus und traktierte uns mit Aquavit: vorher hatte er sich die besten Burschenlieder diktieren lassen und sie nachgeschrieben. Nachmittags kamen noch mehrere auf Dillmanns Garten und es wurde abermals kommersiert. 

Nun wollten wir auch einen Orden in Mainz stiften, wenigstens wollten wir daselbst so eine Gestalt von Amicistenklupp aufbringen. Auch das gelang uns. Wir entwarfen, weil wir die echten Gesetze nicht bei uns hatten, eine Art von Gesetzbuch, erklärten alles, rezipierten neun Studenten im Namen der Mutterloge Jena, ließen einen Senior, Subsenior und Sekretär wählen, lehrten sie die Zeichen und Merkmale und verpflichteten die Mitglieder des hochlöblichen Amicisten Ordens durch einen Handschlag und eine Art von Eidesformel, dem Orden getreu zu bleiben, die Gesetzte zu beobachten und was dergleichen Tollheiten mehr waren. 

So wurde denn auch das Ordensgift nach Mainz gebracht. Ob sich die Torheit daselbst erhhalten und ausgebreitet habe, kann ich nicht sagen. So viel ist gewiss, dass noch im Jahr 1781 Amicisten in Mainz gewesen sind, echte oder unechte, darauf kommt es bei einem akademischen Orden gar nicht an: jeder kann dergleichen stiften, wenn er nur Leute findet, die dumm oder leichtsinnig genug sind, seine närrischen Grillen gut zu heißen und ihnen nachzuahmen. *

Wir hielten uns über acht Tage in Mainz auf, wonach Lony in sein Vaterland und ich zu meinem kranken Onkel nach Oppenheim und von da über Darmstadt wieder nach Gießen zurückkehrte. 

Die Universität zu Mainz 
...hat nie viel getaugt. Man gibt zwar vor, dass mehrere Protestanten daselbst studieren; aber das ist nicht wahr. Ich habe noch im verwichenen Sommer einen Studenten in Halle gesprochen, der von Mainz kam und mich versicherte, es seien gar keine Protestanten da. 

Vor drei Jahren wollte ein Vetter von mir, Herr Vitriarius von Partenheim bei Mainz, der in Jena Medicin studiert hatte, daselbst Doctor werden: die medizinische Fakultät war es zufrieden; aber die Theologen, besonders Herr Hettersdorf und Freund Goldhagen, der Erzjesuit, widersprachen: „Eid rede ja – gaben sie vor – von der immaculata concepptione B. Virginia, und den könne kein Protestant ablegen.“ So wurde denn Herr Vitriarius abgewiesen und musste in Gleßen sich promovieren lassen. Das ist ein ganz neues Pröbchen von der sonst hochgelobten Mainzer Toleranz! …

Übrigens ist Mainz gar die Stadt nicht, wo eine Universität gedeihen könnte. Der Student, wenn etwas liberales aus ihm werden soll, muss einen gewissen Ton angeben und sich an dem Orte, wo er ist, bemerkbar machen können. In Leipzig z.B. ist es mit dem Studenten nichts: da richtet er sich nach dem Kaufmannsdiener, der reicher ist als er: und in Mainz bemerkt man ihn vollends ganz und gar nicht. 

Diese Stadt steckt voller Kaufleute, voller reichem Adel und voller vornehmer Geistlichkeit. Da herrscht Pracht und Üppigkeit in vollem Maße und der Student, der nicht mitmachen kann, gafft und staunt so eine hochwürdige Exzellenz oder Gnaden an und fühlt seine eigne Vernichtung so sehr, dass er sichs gar nicht einfallen lässt, selbst etwas vorzunehmen, um sich zu erheben. Nebenher sind die Professores wie unter dem Zuchtmeister. Sagt einer etwas auf dem Katheder, das vielleicht dem oder jenem geistlichen Herrn missfällt; wie ein Blitz ist die Sache beim Vikariat und der Professor hat Spectakel.

*...und welche Blüten studentisches Verbindungswesen in Mainz aktuell zu treiben beliebt, lesen Sie hier



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