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#22. September 1792 Valmy: "Menschen sind doch keine Fürsten-Nieten"

Lutze versorgte unser Zelt am andern Tage mit guten Viktalien, und so waren wir in unserm Zelte, während die meisten andern weiter nichts hatten als ihr bissel Komissbrot, auf einige Tage geborgen. Ich muss es nochmals wiederholen, dass ich dem braven Lutze manche Sättigung verdankte, wo die übrigen, sogar die Offiziere, hungern mussten.

Unser Verlust an Toten und Blessierten belief sich auf 166 Mann, freilich ein ganz geringer Verlust bei einer vierstündigen Kanonade, aber allemal groß genug bei einer Kanonade, welche nach dem Zeugnis aller verständigen Kriegsmänner ganz ohne alle Hoffnung eines Sieges oder reellen Vorteils unternommen war.

Die Verwundeten wurden auf ein Vorwerk gebracht, wo sie wegen der elenden Pflege schon meistens in der ersten Nacht unter den heftigsten Qualen hinstarben. Gar wenige von allen bei La Lune verwundeten Soldaten sind mit dem Leben und kein einziger ist mit geraden Gliedern davongekommen. Das ist freilich schrecklich, aber daran war auch meistens unsere medizinische Anstalt schuld, welche bei keiner Armee elender sein kann, als sie damals bei unsrer war.

Das machte aber, weil man steif und fest geglaubt hatte, die Franzosen würden uns keinen Finger entzweischießen. Man hatte sich aber verrechnet und das garstig!

Warum kein Sieg
Warum wir bei dieser Kanonade keinen Vorteil erhielten, ist handgreiflich. Der Feind hatte mehr Volk, mehr und besseres Geschütz und eine weit bessere Stellung als wir, besonders machte eine Batterie an einer Windmühle, wenn diese gleich von unsrem Geschütz und aufliegenden Pulverkarren zusammengeschmissen wurde, es völlig unmöglich, den Feind mit Infantrie anzugreifen.

Unsere Leute waren ja meistens schon krank, alle waren ermattet und bis auf die Haut durchnässt. Der größte Teil hatte seit dem Mittage des vorigen Tages nichts gegessen. Weit über die Hälfte – denn aus dem Siebenjährigen Kriege zählen wir nicht viel brauchbare Soldaten mehr – trat hier zum ersten Male vor feindliche Kanonen: ist es nun überhaupt glaublich, dass solche Leute unter solchen Umständen sich des nahen Feindes freuen, mit frohem Mute gegen ihn avancieren und über ein kommandiertes Halt Murren werden? Das wird sich schwerlich jemand einbilden, der da weiß, welchen Eindruck neue und große Gefahren auf ungewohnte und sonst schon leidende Gemüter machen.

Vernünftige Tapferkeit ist keine Schande
Und wer könnte Offiziere und andere tadeln, die nach dem Gesetze der Sparsamkeit, Klugheit und wahren vernünftigen Tapferkeit, wie auch nach dem natürlichen Selbsterhaltungstriebe ausweichbaren Gefahren ausweichen, um sich – den Ihrigen und dem Staate, der doch die Menschen zum Soldatwerden und was zu deren Unterhalt und Bewaffnung gehört, hergeben muss – zu erhalten? 

Dies zu tun, denk ich, ist Pflicht. Und es getan zu haben, könnte über preußische Truppen nur dann ewige Schande bringen, wenn Ehre der Preußen es mit sich brächte, nicht nach weiser, zweckmäßiger Tapferkeit, sondern nach unweiser Tollkühnheit jeder, auch ausweichbaren, Gefahr sich preiszugeben. Menschen sind doch keine Fürsten-Nieten!


2 Kommentare zu #22. September 1792 Valmy: "Menschen sind doch keine Fürsten-Nieten":

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info@laukhard.de on Sonntag, 22. September 2013 01:15
http://de.wikipedia.org/wiki/Kampagne_in_Frankreich hierzu bei Wolfgang von Goethe laut o.g. wiki: "22. September: Menschen, durch die Kanonade getötet, liegen unbegraben. Schwer verwundete Pferde können nicht ersterben."
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