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# Oktober / November 1792: Seht, Menschen, soviel gelten euresgleichen im Kriege!

Die unendlichen Krankheiten, besonders die Ruhren, welche unser unglückliches Militär auf diesem unseligen Feldzuge befielem, machten die Anlegung vieler Feldlazarette nötig. Zu Grandpré, Verdun, Longwy, Chatillon, Luxemburg, Trier, Koblenz, Wesel, Neuwied, Usingen, Frankfurt am Main, Höchst, Homburg, Friedberg, Gießen und noch an viel mehr Orten waren preußische Feldlazarette, welche alle mit Kranken vollgestopft waren. Ich habe mehrere dieser Mördergruben selbst beobachtet und was ich da gesehen habe, will ich dem Leser ehrlich mitteilen, jedoch mit dem Bedinge, dass der zu delikate Leser dieses Kapitel überschlage.

Ich hörte, dass mein Freund, der Unteroffizier Koggel, zu Longwy im Lazarett krank läge. Ich wollte ihn also besuchen und ging hin und hinein ohne von der Schildwache angehalten oder nur über etwas befragt zu werden. Dieses ließ mich gleich anfangs nicht viel Ordnung im Lazarette selbst erwarten. Aber wie entsetzte es mich, als ich gleich beim Eingang alles von Exkrementen blank sah und nicht einmal ein Fleckchen finden konnte, um unbesudelt hinzutreten.Der gemeine Abtritt rechte für so viele ruhrhafte Kranke unmöglich zu, auch fehlte es den meisten Kranken, ihn zu erreichen und Nachtstühle sah ich beinahe gar nicht. Die Unglücklichen schlichen also nur bis vor die Stube und machten dann alles hin, wo und wie sie konnten. Es ist abscheulich, dass ich sagen muss, dass ich sogar tote Körper in diesem Unflate liegen sah.

Ich schlüpfte schnell durch ins erste Zimmer aber da drängte sich mir auch sogleich ein solch abscheulicher mephitischer Gestank entgegen, dass ich hätte mögen in Ohnmacht sinken. Es war der Duft viel ärger, als wenn man ein Privet ausräumt oder über einen vollen Schindanger des Sommers geht. An Räuchern dachte man gar nicht, auch wurden die Fenster niemals geöffnet und wo hie und da eine Scheibe fehlte, da stopfte man die Öffnung mit Stroh und Lumpen zu.

Das Lager der Kranken war dem vorigen ganz angemessen: die meisten lagen auf bloßem Stroh, wenige auf Strohsäcken und viele lagen gar auf dem harten Boden. An Decken und andere zur Reinlichkeit dienliche Dinge war vollends nicht zu denken. Die armen Leute mussten sich mit ihren elenden kurzen Lumpen zudecken und da diese ganz voll Ungeziefer waren, so wurden sie von diesem beihnahe lebendig gefressen.

Ich stand da und wusste nicht, was ich vor Mitleid und Ärger sagen sollte. Ich fragte endlich nach der Krankenpflege, erfuhr, erfuhr aber , dass hier außer einem bissel Kommissbrot nichts vorfalle. An Arznei fehlte es beinahe ganz!

Ich wollte, wie man weiß, den Unteroffizier Koggel sehen, aber weder Feldscher noch Krankenwärter konnte mir sagen, in welchem Zimmer ich ihn treffen könnte. So sehr fehlte es an aller besonderen Aufsicht! Sogar hörte ich einen sagen: "Wen hier der Teufel holt (er wollte sagen: wer hier stirbt), ist geliefert, kein Guckuck frägt weiter nach ihm."

Voll Ekel und Abscheu ging ich fort und verwünschte das Schicksal der Krieger, welche bei einer eintretenden Krankheit oder Verwundungen solche Mordlöcher gesteckt und so schlecht verpflegt werden, dass sie ihr Achtgroschen-Leben elender aufgeben müssen als das elendeste Vieh.

Aber bald bedachte ich, dass dort in Langwy vielleicht die Not selbst eine solche elende Lage der armen Leute nötig machte. Ich wusste, dass der König Befehl gegeben hatte, die Kranken gut zu behandeln und für ihre Wiederherstellung - und wenn es des Monats 1000 Taler mehr kosten sollte - gehörig zu sorgen. Ich beschloss daher. mehrere Feldlazarette zu untersuchen, um ein richtiges Urteil darüber fällen zu können.

Ich tat dies schon in Trier, aber da sah ich noch mehr Greuel. Die Lazarette waren ebenso schmutzig, die Pflege ebenso elend und die Lagerstätten ebenso scheußlich als in Longwy. Außerdem mussten noch vom 30. bis 31. Oktober mehr als 280 Kranke in Trier unter freiem Himmel auf der Gasse liegengeblieben. In den Hospitälern war für sie kein Platz mehr und niemand wollte sie in die Häuser aufnehmen, weil es allgemein hieß, die Preußen hätten die Pest. Es krepierten, ja, es krepierten diese Nacht mehr als 30 auf der Gasse. Seht, Menschen, soviel gelten euresgleichen im Kriege!

Die anderen Lazarette, die ich weiter sah, waren alle von dieser Art. Woher kommt aber dieses schreckliche Übel, wodurch der König oder vielmehr der Staat so viel Leute verliert? Denn in diesem Feldzuge sind sehr wenig Preußen vor dem Feinde geblieben, aber mehrere Tausend sind in den Hospitälern verreckt, deren meiste man gewiss hätte retten können, wenn man ihnen gehörige Pflege hätte können oder wollen angedeihen lassen.

Bettelarm hinein … mit vollem Beutel hinaus...
Der Hauptfehler der preußischen Lazarette ist, wie mich dünkt, in der Anlage selbst zu suchen. Die Aufseher sind lauter Leute vom Militär, ohne angemessne Erfahrung und Kenntnisse – und meist lauter solche, die sich da bereichern wollen. Ihre Besoldung ist schlecht, und doch kommen sie, wenn sie auch nicht lange darin sind und blutarm hineinkamen, allemal mit vollem Beutel heraus. 

Bei dergleichen Einrichtungen pflegt alles zusammenzuhängen und für den gemeinschaftlichen Vorteil gemeinschaftliche Sache zu machen. Selten findet sich rin Mann von Rechtschaffenheit, der seinen Einfluss zur Verbesserung tätig machen möchte und wenn er sich findet, so wird er bald unterdrückt.

Herr Sojazinsky, Leutnant bei unserem Regimente, wollte einige gute Anstalten in Frankfurt für das Lazarett durchsetzen, aber er hatte so viel Verdruss dabei, dass seine ohnehin schwache Gesundheit noch mehr dadurch litt und er bald verstarb. Er besuchte uns einst bei Mainz. "Nun, Herr Leutnant", fragte ich ihn, "wie schlägt Ihnen das Lazarett zu?" – "Ach", war die Antwort, "die Fickfackereien, die ich da sehen muss und nicht hindern kann, bringen mich noch um!"

Dem König wird freilich genug angerechnet, aber für die Kranken wird das wenigste verwendet. Ich habe gesehen, dass Feldschere und Krankenwärter den Wein fortsoffen, der für die Kranken bestimmt war und die guten Essenzenselbst verschluckten. ZweiMenscher in Koblenz, welche den Feldscherer zur Liebschaft dienten, verkauften den Reis aus dem Hospital und die Kranken mussten hungern. Zu Frankfurt am Main kaufte man Reis, Graupen, gedörrtes Obst und dergleichen im Spital sehr wuhlfeil. So war es auch in Gießen.

Um nun den Betrug nicht so sehr sichtbar zu machen, geht alles mysteriös und unordentlich in den Lazaretten zu.

Die Krankenwärter sind Soldaten, welche bei den Kompanien nicht mehr fortkönnen, alte steife Krüppel, die sich zum Krankenwärter schicken wie das fünfte Rad am Wagen. Diese, deren teilnehmender Menschensinn durch den militärischen Korporalsinn abgestumpft ist, lassen den armen Kranken eine Pflege angedeihen, dass es eine Schande ist. Dass sie sich mit den Feldscherern und den andern Meistern, die in den Lazaretten etwas anzuordnen haben, allemal einverstehen, versteht sich von selbst; denn auf die geringste Vorstellung des Feldschers oder eines andern Vorgesetzten würde der Herr Krankenwärter weggejagt. Ein Oberkrankenwärter, wie ich sie in den französischen Hospitälern zu Dijon und andernwärts gefunden habe, ist gar nicht da.

Die Reinlichkeit, dieses erste Hauptstück der Krankenpflege, worauf mehr ankömmt als selbst auf die medizinische Verpflegung, wird so wenig gesorgt, dass ich Kranke weiß, denen die Hemder an dem Leibe verfault und sie selbst von den Läusen dergestalt zugerichtet worden sind, dass sie tirfe Löcher am Leibe hatten.

Freilich sollen Krankenwärter entweder selbst waschen oder waschen lassen, aber das geschieht nicht. Ferner sehen Stuben aus wie Spelunken und der mephitische Gestank verpestet die Luft aus abscheulichste. Wer in eine solche Krankenstube hereintritt, verliert den Appetit zum Essen wenigstens auf einen Tag.

Die Feldschere oder wie man sie seit einigen Jahren nennen soll, die Chirurge, sind meistens Leute, welche gar wenig von ihrem Handwerk innehaben und daher das Elend in den Spitälern durch ihre Unwissenheit und Unerfahrenheit noch vergrößern. Für die Besetzung der Regimenter durch Oberchirurgen ist ziemlich gut gesorgt, ob es gleich auch die Leute gibt, welche nicht viel mehr wissen als jeder gemeine Bartkratzer. Die Generalchirurgi sind Männer von Einsicht und Verdienst, aber die gemeinen oder Kompaniechirurgen sind größtenteils elende Stümper, die bei ihrem Lehrherrn nicht mehr gelernt haben als Rasieren und Aderlassen, beides elend genug noch oberdrein. Wer freilich sein Brot sonst verdienen kann und nicht für das kindischeVergnügen ist, in Uniform einherschreiten und ein Spießding an seiner Pfuscherseite herumzuschleppen, wird sich hüten, für den geringen Gehalt, den so ein Mensch zieht, den beschwerlichen Feldscherdienst bei einer Kompanie zu übernehmen.

In die Feldlazarette nimmt man zwar dann und wann die geschicktesten, welche man noch bei den Regimentern findet, aber eben dadurch entblößet man die Regimenter ihrer brauchbarsten Wundärzte. Und was kann einer von dieser Art allein ausrichten, sobald ihm alle übrigen Mitoffizianten entgegen sind oder entgegen handeln!

Ob man aber gleich der Regel nach nur brauchbare Ärzte in die Feldlazarette nehmen sollte, so geht doch hier auch sehr vieles nach Gunst und so werden sehr viele elende, unwissende, traurige Wichte eingestellt. Die Oberchirurgie, welchen die Aufsicht über die Lazarette führen, können teils jeden Kranken nicht selbst untersuchen und behandeln wegen der Menge. Teils sind sie dazu zu kommode oder zu delikat. Sie schauen daher nur dann und wann – und zwar nur so obenhin – in die Krankenstuben, lassen sich vom Feldscher, sehr sehr oft auch nur von dem Krankenwärter referieren, verordnen dann so was hin im allgemeinen, werfen – um sich respektabel zu machen – mit einigen fehlerhaften lateinischen Wörtern und Phrasen umher, überlassen hierauf alles den Unterchirurgen und gehen in Offiziersgesellschaften l'Hombre zu spielen oder sich sonst zu vergnügen. 

Mir sind ganz schändliche Beispiele bekannt geworden, wie selbst Oberchirurgi die medizinische Pflege deswegen vernachlässigten, weil sie das Geld, das für Arznei, Essig, Wein und dergleichen bestimmt war, an die Offiziere, die in den Lazaretten als Inspektoren angestellt waren, verspielt hatten freilich nach ihrer Pflicht darauf inquirieren und den Chirurgus  zur Herbeischaffung der Arznei anhalten sollen, aber eben sie hatten ja das Geld gewonnen, welches sie, im Fall das Ding zur Sprache gekommen wäre, hätten herausgeben müssen. Sie schwiegen also und die armen Leute waren geprellt. 

So ungeschickt die preußischen Feldscherer gewöhnlich zu sein pflegen, so wenige sind noch obendrein in den Spitälern angestellt. Zwei, drei solcher, äskulapischen Büttel sollen eine Anzahl von 200, 300 und mehrerer schwerkranker Personen pflegen, wie dieses im jetzigen Kriege gar oft der Fall war.

Da man in Verpflegung der Lazarettkranken schon ohnehin sehr ökonomisch zu Werke geht und da noch obendrein jeder von dieser Subsistenz das Seine ziehen will, so kann man leicht denken, dass die Diat der armen Kranken sehr schlecht sein muss. An zweckmäßige Einrichtung der Speisen war gar nicht gedacht, noch weniger an deren zweckmäßige Verteilung. 

Etwas elende Brühe größtenteils, die kaum ein Windspiel fressen möchte, ist die Suppe, worin dann und wann ein bissel Graupen, Mehl, Grütze oder Brot getan wird. Die Krankenwärter  wissen alles so einzurichten, dass nicht ein Auge Fett darauf zu sehen ist und dass die Brühe aussieht und schmeckt wie die elendeste Gauche.

Das Fleisch in den Lazaretten ist schon das elendste, das man finden kann und nicht selten stinkt es schon und hat Maden gezogen. Dieses elende Luder wird wird nun auf die elendeste Art zurecht gemacht, ganz unsauber in die Kessel geworfen und oft auch kaum gar gekocht. Ebenso geht es mit dem Zugemüse – und was für Zugemüse! Ein wenig Reis und Gerste, nebenbei auch Rüben, Kartoffeln, Linsen, Erbsen, Bohnen und dergleichen für totkranke Menschen!

"Wer in den Lazaretten nichts zuzusetzen hat, muss darin krepieren", ist so ein bekannter Satz bei der preußischen Armee, dass jeder Soldat entweder durch eigne Erfahrung oder doch durch die Erfahrung vieler anderer davon überzeugt ist und an dessen Wahrheit im geringsten nicht zweifelt.

Das mag aber doch eine treffliche Einrichtung sein, wo der kranke Feldsoldat Geld haben muss, um im Lazarette, wo seine Gesundheit, die er für seinen Herrn zugesetzt hat, hergestellt werden soll, nicht Hungers krepieren! Ich kenne Feldschere, welche sich Geld geben ließen, damit sie dem gebenden Kranken die nötige Hilfe leisten möchten und welche den, der nichts geben konnte, liegen und krepieren ließen.

Von den Diebereien in den Lazarettenmag ich gar nicht reden. Genug, wer etwas hineinbringt, muss wohl darauf Acht haben, dass es ihm nicht von den Krankenwärtern oder von den anderen Kranken gemauset wird.

So sehen die Feldlazaretteder Preußen aus, aber die der Österreicher sind um kein Haar besser. Auch da herrscht der nämliche Geist, der nämliche Mangel. Und hieraus lässt sich nun erklären, warum so viele Menschen in den Hospitälern so elend umkommen und warum die Armeen durch diese Mordlöcher so schrecklich leiden!

wir fortgesetzt

 

2 Kommentare zu # Oktober / November 1792: Seht, Menschen, soviel gelten euresgleichen im Kriege!:

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Friedrich Christian Laukhard on Sonntag, 17. November 2013 00:22
Laukhard schreibt 1793:

Ich kam einst in Bingen am Rhein ins dortige Hospital, um die bei der Belagerung von Mainz Blessierten und Krankgewordenen aufzunehmen. Auch hier lief mir die Galle gar ärgerlich über. Da lagen Leute, die schon seit vier und mehr Tagen hierher gebracht und noch nicht verbunden waren. Dem einen war der Arm, dem andern der Fuß entzwei geschossen, und die Leute jammerten, daß einem die Brust vor Teilnahme beklommen ward. Aber die Herren Feldscherer und die bübischen Krankenwärter sprachen den armen Leuten nur mit Flüchen und Verwünschungen zu.

»Kann ich was dafür,« hörte ich einen Feldscher sagen, »daß Ihr blessiert seid? Ich wollte, daß dem Teufel die Kugel in den A– gefahren wäre, so hätte ich jetzt keine Schererei mit Euch. Ich will Euch schon verbinden, aber warten müßt Ihr! Sakkerment, ich habe mehr zu tun!« Und damit ging der Bube zur Tür hinaus. Ich sagte zu einem Krankenwärter, das sei doch abscheulich, ob denn das so geschehen dürfe? Er antwortete mir, die Feldscherer wären nun mal nicht anders, besonders dieser; der sitze den ganzen Tag im Wirtshaus zum »Wilden Mann« und trinke. Ich gleich hin und fand den unmenschlichen Firlefanz wirklich bei einer Flasche Wein. Ich setzte mich ihm gegenüber und redete ihn an. »Herr Chirurgus,« sagte ich. »wie können Sie aber die armen Leute so unverbunden liegen lassen? Die Kerls jammern einen ja in der Seele!«

Er: Hab heute schon sechse verbunden; will auch einen Augenblick Ruhe haben!

Ich: Aber wenn Ihre Kranken so schrecklich leiden und obendrein den kalten Brand befürchten müssen, so müßten Sie, denk' ich, bis Sie ihnen Hilfe geschafft haben, gar nicht an Ruhe denken.

Er: So? Wer nicht warten will, mag hinlaufen!

Ich: Ja, wenn das die armen Leute könnten, so wollt' ich ihnen verdenken, wenn sie nicht längst aus dem Mordloch gelaufen wären!

Er: Mordloch? Herr, das ist zu viel gesprochen! Wenn ich das dem Offizier sage, kommt der Herr in Arrest; versteht mich der Herr?

Ich: O ja. ich verstehe den Herrn, und sehe wohl, daß der Herr ebenso bösartig als unwissend ist; versteht mich der Herr auch?

Er: Tausend Salkerment: ich glaube gar, der Herr will mich tuschieren! Weiß der Herr, wer ich bin?

Ich: O ja, ich weiß und sehe, daß der Herr weiter nichts ist, als ein gefühlloser Bartkratzer. Wenn uns die Franzosen unsere Feldscherer vorgeschlagen hätten, um unsere Truppen durch sie zu ruinieren, so hätten sie uns keine angemesseneren geben können, als der Herr ist.

Er (aufstehend): Nein, in 's drei Teufels Namen, der Hacke will ich schon einen Stiel machen, oder mein Name soll nicht ehrlich sein. Ich gehe hin und sag's dem Offizier, der soll mir schon Satisfaktion schaffen!

Er ging wirklich, aber dabei blieb es auch. Ich indes blieb ruhig, denn ich traute keinem Offizier zu, daß er dem Unmenschen recht hätte geben sollen.

Jetzt finde ich nur noch nötig, noch eine Erinnerung zu dem Vorigen hinzuzufügen, und diese besteht darin: daß man jede Sache, die man nach Belieben und ohne vielen Aufwand leicht und bald haben kann, eben darum meist gleichgültig behandelt. »Wenn die Fürsten spielen, ich meine Krieg führen,« sagt irgendwo Friedrich der Große, »so sind die Menschen ihre Nieten; und wenn diese zu Hunderttausenden verloren gehen, so werden weder die Fürsten noch die Menschen klüger. Sie spielen immer von neuem, und von neuem fehlt's nie an Nieten.« Und dies scheint mir eine von den Hauptursachen mit zu sein, warum man sich die Gesundheit der Soldaten, zumal der fernerhin für ihren Beruf unbrauchbaren, so wenig ernstlich angelegen sein läßt. Ist aber das politisch und moralisch recht? Wie viel kommt nicht bei jedem Militär darauf an, die unbrauchbar gewordenen Krieger stets so zu behandeln, daß die noch brauchbaren an ihnen nicht lernen, sich fein klug zu schonen und alles das zu meiden, wodurch sie ebenso unglücklich werden können, als ihre abgenutzten traurigen Vorbilder.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/4744/7
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Friedrich Christian Laukhard on Sonntag, 17. November 2013 01:05


Nachtrag zum Rückzug aus Frankreich 1792:

Auf den Wagen, worauf die Kranken transportiert wurden, fehlte es an aller Bequemlichkeit. Die armen Leute wurden drauf geworfen, wenn sie sich nicht selbst noch helfen konnten, wie man die Kälber auf Karren wirft und damit war es gut.

Niemand bekümmerte sich, ob so ein Kranker etwas unter dem Leibe oder dem Kopfe hatte, ob er bedeckt war oder nicht. Denn die, welche sich um dergleichen hätten bekümmern sollen, waren meistens selbst krank und hatten kaum Kräfte genug, sich fortzuschleppen.

Starb einer unterwegs, so warf man ihn von dem Wagen auf die Seite und ließ ihn unbegraben liegen.

Oft warf man noch Lebende mit herunter, die dann aufs jämmerlichste im Schlamme verrecken mussten*.

Meine Leser müssen hier nicht an Übertreibung denken. Ich würde, wenn ich auch noch abscheulicher schilderte, doch lange nicht genug sagen.

*Verrecken ist freilich ein sehr unedles Wort: es passt aber vollkommen, die Todesart unsrer Brüder auf dem Rückzuge aus Frankreich zu bezeichnen. Quod sumus!
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