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# Ende April 1776 Gießen: Eine Serenade für die "Zarin" wird verboten – der Mäusekrieg beginnt

Im Frühling dieses Jahres kam der Bruder des regierenden Herzogs von Württemberg durch Gießen mit seiner Tochter, die für den Russischen Großfürsten zur Gemahlin bestimmt war. Der Herzog logierte über Nacht im Posthaus, Die Studenten wussten das vorher und machten Anstalt zu einer Serenade, so gut man dergleichen in Gießen haben kann.

Die Gießer Hautboisten, die sich freilich unter Meister Wittichs Anführung wenig über gemeine Biersiedler erheben, wurden in Beschlag genommen. Und damit alles recht feierlich herginge, wurden Pechfackeln bestellt, für jeden ein Paar.

Der Herr Rector wusste um alles und ließ uns machen bis an dem Tage für den die Serenade bestimmt war. Da erschien plötzlich des Nachmittags um drei Uhr ein Edict am schwarzen Brett unter dem Runbrum: Rector Universitatis Ludovicianae cum Senatu, worin den Studenten durchaus verboten wurde, der Prinzessin von Württemberg Musik zu bringen: sonst möchten sie Musik bringen, wem sie wollten.

Die Studenten lasen den Anschlag. Viele gerieten darüber in Furcht, weil Meister Ouvrier dabei gesetzt hatte: sub poena relegationis in perpetuum*; allein die Entrepreneurs der Serenade, der Herr Lang aus dem Nassauischen und Herr Bohy aus Mümpelgard setzten aif dem Billard, wo eine Zusammenkunft war, fest, dass das infame Hundsfötter, Drastika und Laxierpillen sein sollten**, die sich an des Röckels Befehle kehren würden: wer  ein rechtschaffener Bursch wäre, käme auf den Abend, das Trisolium, den Rector und die verfluchten Pedelle Möser und Stein tief zu periren! – Das war das conclitum, welchem streng nachgeredet wurde.

Ich selbst hatte viel zu läppische Begriffe von akademischer Freiheit, als dass ich diese Gelegenheit nicht hätte ergreifen sollen, mich zu zeigen und übernahm eine Adjutantenstelle.

Gegen Abend versammelten sich alle Bursche auf dem Kirchenplatz und nach acht Uhr warteten wir dem Herzog mit der Serenade auf. Er schien mit dieser Achtung gegen ihn außerordentlich zufrieden zu sein und dankte nebst Prinzessin sehr höflich. Auch ließ er im Posthause so viel Wein auftischen als uns zu trinken beliebte. Da die meisten ohnehin schon beinahe zu viel hatten. So kam es jetzt dahin, dass der ganze Haufen sehr bezecht wieder abzog
wird fortgesetzt

* meinen lateinischen Lesern, die nicht auf Universitäten gewesen sind, muss ich sagen, dass das akademisches Latein ist. Freilich stehts so nicht im Cicero..
** Gießische Studententerminologie.

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